In vielen Artikeln, Blogs und vor allem Wortmeldungen in den verschiedenen Netzwerken, die sich mit der Bewegung Echte-Demokratie-jetzt / Occupy beschäftigen, findet man, neben reichlich formalen Diskussionen, was denn nun innerhalb dieser Bewegungen adäquat sei und was nicht, zwei Aspekte besonders häufig. Erstens: Dies alles sei etwas absolut Neues und noch nie Dagewesenes und zweitens: die Abwesenheit konkreter Forderungen wird gern mit dem Hinweis beantwortet, dass es sich bei dieser Bewegung um einen Prozess handelt, in dessen Dynamik mögliche Antworten im zweiten Schritt, im ersten aber zunächst die notwendigen Fragen gewissermassen generiert werden. (Gerade den zweiten Aspekt halte ich tatsächlich für extrem spannend, weise aber gleichzeitig darauf hin, dass sich hier alsbald zurecht Grenzen der Strapazierfähigkeit auftun werden.)
Was den ersten Aspekt angeht, so denke ich, sollte man nicht all zu viel Energie darauf verwenden dieses absolut „Neue“ immer und immer zu wiederholen. Möglicherweise ist das alles so neu nicht und muss es ja auch gar nicht sein. Die spontane Interaktivität zwischen einem Redner, der aus den Reihen einer Versammlung kommt, und seinem Publikum ist eigentlich bei sehr vielen Treffen und oder Versammlungen gegeben. Sie haben in den Handzeichen der Asamblea lediglich eine eigene Form gefunden. Wurde nicht ansonsten einfach gepfiffen, gebuht oder geklatscht. Auch das Ziel innerhalb einer Gruppe, einer Versammlung oder eines Teams nach einer gemeinsamen Lösung, im Sinne der bestmöglichen Antwort auf ein Problem, zu suchen ist sicher keine revolutionäre Neuerung. Jeder, der schon einmal als Sportler Teil einer gut funktionierenden Mannschaft war, oder das Glück hatte im Beruf Mitglied eines lebendigen Projektteams gewesen zu sein, hat diese Erfahrung schon gemacht. Die Kombination von Interaktivität und Kommunikation auf Augenhöhe ist schon oft der Schlüssel für eine erfolgreiche gemeinsame Anstrengung gewesen. Hier wurde also nicht eine grundsätzliche Neuerung geboren, sondern es wurden die ganz natürlichen Bedürfnisse der Menschen miteinander zu kommunizieren und sich zusammenzuschließen mit einer hoffnungsvollen Kraft erfüllt und dies als Reaktion auf eine gesellschaftliche Situation, die als zersplittert und das eigene Dasein als ohnmächtig empfunden wird. Was tatsächlich neu ist, ist die Möglichkeit dies Dank der Technik in einem tatsächlich nie da gewesenen Ausmaß tun zu können, aber auch das ist ein äußerer, ein äußerst gewichtiger Aspekt, aber kein inhaltlicher. (im übrigen, und das sei nur am Rande angemerkt, da es sicher einer ganz eigenen Betrachtung bedürfte, bin ich zuweilen erstaunt mit welcher Leichtfertigkeit mancherorts einem uneingeschränkten Kollektivismus das Wort geredet wird.)
Die Überbetonung der Neuartigkeit halte ich schon deshalb für wenig hilfreich, weil sie die seltsame Einteilung der Zeit in ein Vorher und ein Nachher beinhaltet, was meist zur Folge hat, das alles, was der Sphäre des Vorher angehört dem Vorurteil des unüberprüft Fehlerhaften ausgesetzt ist. Ein Vorurteil, das nicht selten revidiert werden musste. Darüber hinaus widerspricht die Annahme des Neuartigem dem zweiten Aspekt, denn sollte es sich bei diesem hoffnungsvollem Versuch der Gesellschaft sich aus sich selbst heraus zu verändern, ja zu entwickeln, um einen organischen Prozess handeln (Wovon ich überzeugt bin) so ist das Auftreten von EDJ/Occupy nicht das plötzliche Auftauchen einer per se neuen Idee und damit Anlass dieser Veränderung sondern der Ausdruck einer bereits laufenden Veränderung. Dieser Ausdruck manifestiert sich, weil grundlegende Bedürfnisse des allergrößten Teils der Menschen, nämlich das nach Freiheit, Selbst- und Mitbestimmung, dazu gehört auch die Frage der Einkommenssituation, sowie die empfundene Gerechtigkeit über eine zu lange Zeit in einem grobem Ausmaß missachtet wurden. Sobald dieses Ausmaß die Leidensfähigkeit einer Gesellschaft übersteigt, sucht sie nach Wegen sich dagegen zur Wehr zu setzen. Das bedeutet dieser Prozess setzt bereits in der Vergangenheit an, findet nun einen den aktuellen Möglichkeiten entsprechenden Ausdruck und formuliert sich entlang der entstehenden Reibungsflächen aus. Noch mal: Die Frage von neu oder nicht neu spielt dabei überhaupt keine Rolle.
Von Bedeutung ist der Ursprung dieses Prozesses, nämlich das dem Individuum zugefügte Leid, sowie seine Richtung, nämlich die Abschaffung dieses Leids.
Im Dienst dieser Aufgabe können wir vielleicht auch einer weiteren Energieverschwendung entgegentreten, nämlich der Diskussion, was denn nun EDJ/Occupy kompatibel sei und was nicht. Denn diese nährt sich aus dem unnötigen Anspruch der Neuartigkeit und trägt als solche zur wesentlichen Aufgabe, nämlich der Linderung des Leids, nichts bei. Und eben das ist der einzig richtige Gradmesser: wo und wie eingesetztes Engagement oder aufgebrachte Energie in Bezug auf diesen Prozess sinnvoll ist oder nicht. Mit anderen Worten: wie energisch bewegen wir uns vom Ursprung, der Feststellung des Leids, über den Ausdruck, also dem Entschluss das Leid nicht mehr ertragen zu wollen hin zu unserem Ziel, der Linderung? Verläuft sich die Energie dieser Bewegung bereits im zweiten Schritt des Prozesses, also des Ausdrucks, oder findet sie darüber hinaus auch die Kraft den notwendigen nächsten Schritt zu tun? Dazu wäre es nötig sich mit den Ursachen für das entstandene Leid auseinander zu setzen. In diesem Falle ist dies ein Regelwerk zur Organisation eines Gemeinwesens oder aber der Missbrauch eines von seiner Idee anders angelegten Regelwerkes.
(Hier gehen die Meinungen wohl schon stark auseinander.) Dieses Regelwerk bezeichnen wir heutzutage als die Sammlung von Gesetzen und die Tätigkeit Gesetze zu formulieren oder aber zu verändern bezeichnen wir als Politik. Und dies ist, so wie ich die Sache sehe, der Punkt an dem wir nun stehen. Die bedeutsame Kreuzung, von der so viele Abzweigungen abgehen und an der gerade deshalb die Gefahr von insbesondere Auffahrunfällen so groß ist. Überall an all diesen verschiedenen Ausfahrten stehen nämlich aufgeregte Menschen mit Plakaten, Schildern und Fahnen, die einem leidenschaftlich bedeuten ihr Weg sei der einzig richtige, ihr Regelwerk führe zum Erfolg, ihr System sei der natürlich nächste Schritt, ihr Diktum der Abwesenheit aller Regeln sei die Erlösung. Ich wage zu behaupten kein von ihnen hat alleinig recht.
Nachdem das Jahr 2011 das Jahr des Aufbruchs war, könnte doch das Jahr 2012 das Jahr sein, in dem die verschiedenen Kräfte gebündelt werden um dem Missbrauch des Individuums durch ein pervertiertes System geschlossen und effektiv zu begegnen. Insofern plädiere ich inständig dafür, die Frage nach der Neuartigkeit, sowie nach der Reinheit des EDJ/Occupy Gedankens deutlich weniger Kraft zu widmen, dagegen umso mehr nach Bündnissen zu suchen, die es erlauben einen größeren Teil der Gesellschaft für eine echte Demokratie zu aktivieren. Es gibt viele Organisationen, Vereine und Verbände, die mit zumindest ähnlichen Intentionen über Jahre hinweg aktiv sind und dadurch in der Lage einen großen Kreis von Menschen anzusprechen. Was spricht gegen einen direkten Kontakt zu den Gewerkschaften, zu Organisationen wie Amnesty International, Greenpeace, BUND, dem VDK, den Organisatoren des Bildungsstreiks, etc. etc. ? Wozu diese immer wiederkehrende Lust am Alleinstellungsmerkmal? Lasst uns im Dialog Gemeinsamkeit suchen, finden und nützen. Wenn sich im Mai die spanischen Proteste zum ersten mal jähren und die Augen der Öffentlichkeit umherschweifen, verbunden mit der Frage wo die Bewegung denn steht. Dann sollte sie in der Position sein als breites Netzwerk der Bürger, als Basis eines demokratischen Widerstandes gegen die Entmündigung, und als Ausgangspunkt politischer Aktivität, dieser Gesellschaft die Kraft zu geben sich weiter zu entwickeln, auf die Instrumentarien von Machtmissbrauch, Geld, Ausbeutung und Repression zu verzichten und gemeinsam ein Regelwerk zu gestalten, das dem Wohl der Gemeinschaft von Individuen verpflichtet ist.
Im übrigen würde ich nun auch nach diesen ersten Monaten zu bedenken geben, ob man bei der Bewertung von Parteien nicht etwas differenzierter vorgehen sollte und diese nicht ausschließlich als überkommene Struktur wahrnimmt, sondern auch anhand ihrer politischen Vorstellungen und Ansprüche. Vielleicht ist es keine so hilfreiche Haltung z.B. in den Piraten, bei denen ich im übrigen nach wie vor Mitglied bin, nur eine weitere Partei zu sehen, sondern vielmehr eine verbündete politische Kraft, die als solche die Idee des BGE verstärkt in den Bundestag bringen kann. Vielleicht ist es gar keine schlechte Idee sich mit der Basis von Parteien zu treffen und sie zu ermutigen gegen ihre Führung zu rebellieren, wenn sie sich von der Macht korrumpieren lässt.
Veränderung geschieht meiner Meinung nach im Dialog und nicht in der Missionierung, sie besteht in erkennbaren politischen Forderungen und nicht in Proklamationen, sie nährt sich aus Neugier und strandet an Vorurteilen. In jedem Fall bedarf sie einer klaren Grundhaltung, die sich nach verbindlichen Werten richtet, so wie sie zum Beispiel in der Menschenrechtscharta ausformuliert sind.